Ist Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit jetzt ein Luxusproblem?

Mrz 9, 2022

Zwei Wochen ist es her. Seit zwei Wochen herrscht Krieg in Europa.

Ich schwan­ke zwi­schen Fas­sungs­lo­sig­keit über das, was pas­siert, und Dank­bar­keit für das, was ich habe. Mei­ne Fami­lie, mein Haus, mei­nen gesun­den Kör­per, mei­nen war­men Kaf­fee in der Hand. Gleich­zei­tig habe ich ein schlech­tes Gewis­sen, weil nicht weit von hier nichts mehr so ist, wie es ein­mal war.

Mein Beruf ist es, Men­schen Ori­en­tie­rung zu geben. Vor allem jun­gen Men­schen, die nach der Schu­le, nach der Aus­bil­dung oder nach dem Stu­di­um nicht wis­sen, wel­cher der „rich­ti­ge“ Weg für sie ist.

Ich habe in den letz­ten Tagen viel dar­über nach­ge­dacht, ob mei­ne Arbeit unter den aktu­el­len Umstän­den (noch) gebraucht wird. Die Para­me­ter ver­än­dern sich. Exis­ten­zen sind bedroht. Unser aller Zukunft wirkt noch unge­wis­ser, als sie es spä­tes­tens durch Coro­na sowie­so schon war.

Das Wort, das mich in die­sem Zusam­men­hang beglei­tet, ist das Wort „Luxus­pro­blem“.

Ist es in Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass die Pan­de­mie von einem Krieg in Euro­pa „abge­löst“ wird, ein Luxus­pro­blem, sich mit Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und Berufs­ori­en­tie­rung auseinanderzusetzen?

Kön­nen wir uns – und da schlie­ße ich mich aus­drück­lich mit ein ! – in die­ser Welt noch leis­ten, uns selbst­ver­wirk­li­chen zu wol­len? Beruf­lich erfüllt zu sein? Auch zu Las­ten unse­rer finan­zi­el­len Effi­zi­enz und Sicherheit?

Ich fin­de die­se Fra­ge berech­tigt. Obwohl oder gera­de weil ich mei­nen Lebens­un­ter­halt damit ver­die­ne, dass Men­schen Zeit und Geld dar­in inves­tie­ren, ihren Weg zu finden.

Mei­ne Ant­wort ist: Ja, es ist ein „Luxus­pro­blem“. Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Und das nicht erst jetzt. Denn die­ses Pro­blem der Ent­schei­dungs­fin­dung und Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit hat nur, wer in Frei­heit lebt. Wer Optio­nen hat oder sich wel­che schaf­fen kann.

Wer sei­ne Hei­mat ver­las­sen muss und um sein Leben bangt, hat nicht den Luxus die­ses Problems.

Und trotz­dem: Solan­ge wir die­se Frei­heit haben, uns zu ent­fal­ten und unse­ren Weg zu gehen, hal­te ich es für wich­tig und rich­tig, das auch zu tun!

Und wer es als schwie­rig emp­fin­det, darf auch wei­ter­hin so emp­fin­den! Denn es ist schwer. Es macht Angst, nicht zu wis­sen, wo man hin will. Und es ist in Ord­nung, dar­un­ter zu lei­den. Wir dür­fen suchen, wir dür­fen ver­un­si­chert sein und ab und zu auch ver­zwei­felt. Wir dür­fen aus­pro­bie­ren und schei­tern und neue Wege gehen. Das alles darf sein.

Das ein­zi­ge, was heu­te noch wich­ti­ger ist als ges­tern, ist das Wort MACHEN.

Was wir uns näm­lich nicht mehr leis­ten kön­nen (sie­he Pan­de­mie, sie­he Ukrai­ne, sie­he Kli­ma, etc.), ist, aus Angst NICHT zu han­deln. Ste­hen zu blei­ben. Aus Vor­sicht in unse­rer Kom­fort-Höh­le sit­zen zu bleiben.

Ich bin zu 100% davon über­zeugt, dass jede/r von uns beson­de­re Gaben hat. Die­se pas­sen häu­fig nicht zusam­men mit tra­di­tio­nel­len Berufs­bil­dern, wes­halb die beruf­li­che Ori­en­tie­rung so schwie­rig sein kann.

Aber die Welt braucht unse­re indi­vi­du­el­len Gaben heu­te mehr denn je.

Und das ist der Schluss, zu dem ich kom­me: Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung, per­sön­li­ches Wachs­tum und Selbst­ver­wirk­li­chung sind dann genau rich­tig in die­ser Welt, wenn wir es damit schaf­fen, unse­re Gaben nach außen zu brin­gen und fürs Kol­lek­tiv sinn­voll ein­zu­set­zen. Ganz egal durch wel­chen Job.

Die­ser Luxus der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit darf also nur kein Selbst­zweck sein, son­dern die authen­ti­sche Suche danach, was wir, und nur wir, der Welt zu geben haben.

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