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It’s all about the Muster.

Apr 26, 2018

Da steht die­ser gro­ße Mann selbst­be­wusst und stark im Raum und erzählt, dass er seit sei­ner Kindheit immer wie­der in Kämpfe ver­wi­ckelt wor­den sei. Er kön­ne sich aber nicht so rich­tig erklä­ren, war­um.

Ob er phy­si­sche oder ver­ba­le Kämpfe meint, wird nicht ganz klar – bei­des ist ihm zuzu­trau­en. Dabei ist er über­haupt nicht aggres­siv! Er ist Vater von drei klei­nen Kindern, er hat eine sehr net­te Frau an sei­ner Seite, sein Umgang ist höf­lich und freund­lich. Aber was er selbst nicht sieht, sehen wir alle: Er hat die­se leicht pro­vo­zie­ren­de Aura, die sagt „Ich bin bereit, mich zu ver­tei­di­gen“.

Ich bin an die­sem April-Wochenende nach Charlotte, North Carolina, geflo­gen, um an einer Enneagramm-Fortbildung teil­zu­neh­men mit dem Thema: „The Journey of Growth“.

Wir beschäf­tig­ten uns mit der Frage, wie jeder der neun Enneagramm-Typen per­sön­lich wach­sen kann. Also genau das Thema, das mich und mei­ne Klienten täg­lich beschäf­tigt.

Denn dafür ist das Enneagramm ja da. Das Wissen um unse­ren Typ soll uns auf unse­rer per­sön­li­chen Reise hel­fen, in unse­rem per­sön­li­chen Wachstum unter­stüt­zen.

Die Selbsterkenntnis ist dabei der ers­te und wich­tigs­te Schritt. Und wie wir an dem Beispiel des Mannes mit der „Kämpfer-Aura“ sehen, ist die­ser Schritt schon nicht so ganz ein­fach.

Im Enneagramm ist er klar im Typ 8, dem Herausforderer, zu fin­den. Und auch wenn er das weiß, sind ihm vie­le sei­ner typi­schen Muster (noch) nicht bewusst: Seine extre­me phy­si­sche Präsenz, sei­ne „Leg Dich nicht mit mir an“-Aura, sei­ne her­aus­for­dern­de Art, die sogar zu spü­ren ist, wenn er sich selbst als total rela­xed emp­fin­det. All das ver­su­chen wir ihm in die­sen Tagen von außen spie­geln, aber es fällt ihm schwer, es selbst zu sehen.

Das ist ja eben die Krux mit unse­ren Mustern: Wir gehen schon so lan­ge mit ihnen durch die Welt, dass sie uns gar nicht mehr auf­fal­len.

Ein ande­rer Teilnehmer, auch Typ 8, wirk­te dage­gen völ­lig ent­spannt. Viele kann­ten ihn aus einem Workshop zwei Jahre zuvor und konn­ten sei­ne Veränderung kaum fas­sen. „Wie hast Du das geschafft?“, frag­ten sie ihn. Seine Antwort: Durch die Arbeit mit dem Enneagramm sei ihm über­haupt erst bewusst­ge­wor­den, dass auch er die­se Kämpfer-Ausstrahlung hat­te.

„Mir wur­de plötz­lich klar, dass ich mir in jeder Lebenslage auto­ma­tisch einen ‚Gegner’ such­te. Das konn­te ein inkom­pe­ten­ter Kollege, eine unhöf­li­che Nachbarin oder ein schlecht erzo­ge­ner Neffe sein. Diese ‚Gegner’ sind das, was mir auto­ma­tisch Energie gab und wor­über ich mich defi­nier­te.“

Mit die­ser Selbsterkenntnis ist er also aus dem letz­ten Workshop gelau­fen. Und dann?

Die gute Nachricht zuerst: Der Schritt nach der Selbsterkenntnis ist natür­lich nicht das Aufgeben unse­rer Persönlichkeit.

Wenn ich in einen Raum hin­ein­ge­he und allein mit mei­ner phy­si­schen Präsenz wir­ken kann, war­um soll ich das able­gen? Wenn Menschen mei­ne Stärke spü­ren – war­um soll ich ver­su­chen, sie zu ver­ste­cken?

It’s all about the Muster.

Das Zauberwort hier ist „bewusst“. Wenn ich mei­ne Präsenz und star­ke Ausstrahlung (als Typ 8) bewusst ein­set­ze, um zum Beispiel als Führungskraft mei­nem Team das Vertrauen zu geben, dass wir die nächs­te Aufgabe gemein­sam meis­tern wer­den, dann ist das eine authen­ti­sche Qualität, für die ande­re lan­ge arbei­ten müs­sen.

Wenn ich mei­ne star­ke Ausstrahlung aber immer und über­all unbe­wusst ver­sen­de, um zu zei­gen, dass ich das Alphatier bin, dann kann das durch­aus pro­ble­ma­tisch wer­den. Nicht umsonst wird der Teilnehmer in dem Beispiel oben seit sei­ner Kindheit in Auseinandersetzungen hin­ein­ge­zo­gen. Er sucht danach, ohne es zu mer­ken.

Üben, üben, üben

Auch der ent­spann­te Typ 8 erzählt von Situationen in sei­nem Büro, in denen er sei­ne Kräfte (und die oft ein­her­ge­hen­de Wut) nach wie vor schlecht im Zaum hal­ten kann. Aber er weiß, dass er es selbst in der Hand hat und übt im Alltag immer wie­der, sei­ne her­aus­for­dern­de Art – wie mit einem unsicht­ba­ren Regler – höher oder nied­ri­ger zu stel­len.

Das klingt sehr viel ein­fa­cher als es ist. Es braucht sehr, sehr viel Übung und sehr, sehr viel Zeit.

Lohnt sich dann über­haupt die gan­ze (Persönlichkeits-) Arbeit?

Ja!! Weil wir dadurch eine Wahl bekom­men. Anstatt mit unse­rer star­ken Präsenz unbe­wusst zu pro­vo­zie­ren oder zu domi­nie­ren (Typ 8), kön­nen wir unse­re Stärke situa­tiv bewusst ein­set­zen, um z.B. unser Team zu unter­stüt­zen. Anstatt uns (als Typ 1) durch unse­ren Fokus auf Perfektion selbst ver­rückt zu machen, kön­nen wir mit etwas mehr Leichtigkeit Dinge opti­mie­ren und dann an einem bestimm­ten Punkt auch die schö­ne Erfahrung zulas­sen, mit unse­rem Werk zufrie­den zu sein. Anstatt uns dar­über zu ärgern, dass wir für eine Entscheidung wie­der end­los Zeit brau­chen, weil wir alle Seiten abwä­gen (Typ 6), kön­nen wir die­se Stärke für wich­ti­ge Kopf-Entscheidungen nut­zen und dafür in klei­ne­ren Entscheidungen unse­rer Intuition mehr Raum geben.

Diese Wahl haben wir aber erst, wenn wir einen Schritt zurück­ge­hen und uns bewusst­ma­chen, auf wel­chen Mustern und Automatismen wir nor­ma­ler­wei­se funk­tio­nie­ren.

Der Teilnehmer mit der Kämpfer-Aura sag­te mir, dass er nicht mehr wis­se, wer er sei, wenn er sich so sehr zurück­nimmt. Und die­se Angst ver­ste­he ich gut.

Aber wir müs­sen nichts auf­ge­ben, wenn wir anfan­gen, an uns zu arbei­ten. Wir müs­sen nichts able­gen.

Im Gegenteil: Wenn wir uns trau­en, so genau hin­zu­se­hen, haben wir plötz­lich eine Wahl.
Und dafür lohnt sich die gan­ze Arbeit.

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