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Der 70% Schweinehund

Jan 19, 2016

Heu­te mache ich Dich bekannt mit einer Stim­me in mir. Ich tra­ge sie schon lan­ge mit mir her­um, aber ich kom­me ihr momen­tan ganz bewusst auf die Schli­che! Das muss ich auch. Denn sie hält mich vom Errei­chen mei­ner Zie­le ab. Viel­leicht kennst Du die­se Stim­me auch von Dir?

Über­all ist zu lesen und zu hören von dem Inne­ren Kri­ti­ker, der uns in jeder Situa­ti­on zur Per­fek­ti­on ermahnt: „Nur 100% ist gut genug!“ „Gib Dir mehr Mühe!“ „Noch nicht auf­hö­ren — da geht noch mehr!“

Wir alle ken­nen ihn. Die­sen Drang nach Perfektion. 

Als Enneagramm-Coach weiß ich, dass vor allem Typ 1 damit ein The­ma hat… Aber dazu ein ande­res Mal mehr.

Den Schwei­ne­hund, um den es heu­te geht, ken­ne ich schon gaaaa­anz lan­ge. Für die­sen Blog­post habe ich ihm jetzt einen Namen gegeben:

Es ist mein „70% Schweinehund“.

Das ers­te Mal habe ich ihn ganz bewusst wahr­ge­nom­men auf einem Coa­ching-Semi­nar in Bar­ce­lo­na. Das ist unge­fähr 10 Jah­re her.

Wir waren in einem Klet­ter­park. Und die vor­letz­te Auf­ga­be in dem Par­cours bestand dar­in, (natür­lich gesi­chert!) einen 10m-hohen Holz­pfahl hochzuklettern.

Auf 7 Metern war ein ers­ter Stopp, sozu­sa­gen das „Basis­la­ger“.

Unse­re Auf­ga­be bestand dar­in, bis zu die­sem „Basis­la­ger“ zu klet­tern – ODER ganz nach oben auf den Pfahl.

Es war nicht beson­ders schwer, auf die 7 Meter zu kom­men, auch wenn ich — oben ange­kom­men — schon ordent­li­ches Herz­klop­fen hatte…

Als ich also dort oben stand, kam von unten die Fra­ge: „Möch­test Du ganz nach oben? Oder kommst Du wie­der runter?“

In DIESEM Moment – 7 Meter über dem Boden – hat­te ich mein ers­tes bewuss­tes Gespräch mit mei­nem 70% Schweinehund.

Er sag­te: „Eigent­lich reicht es doch bis hier hin! Das ist doch schon sehr hoch! War­um sollst Du Dich noch mehr anstren­gen? Dich noch mehr über­win­den? Brauchst Du doch gar nicht.“ Und ganz hin­ter­häl­tig: „Das hast Du doch gar nicht nötig, Dir das zu beweisen…!“

Ich weiß noch ganz genau, dass ich da oben stand und voll­kom­men über­rascht war davon, wie bekannt mir die­se Stim­me war. Die „ach, reicht doch eigent­lich bis hier“-Stimme.

Die­se 70% Stim­me ist Segen und Fluch zugleich. 

Ein Segen ist sie.…

… wenn ich am kom­men­den Sams­tag ein klei­nes AMA­TEUR-Haus-Kon­zert spie­le. Ich habe mit dem Instru­ment wie­der ange­fan­gen, weil es mir in mei­ner Jugend gro­ßen Spaß gemacht hat. Und wenn ich am Sams­tag vor den ande­ren erwach­se­nen Schü­lern mei­ner Leh­re­rin ein Stück vor­spie­le, kommt es WIRKLICH auf nichts an. Okay, kom­plett bla­mie­ren möch­te ich mich nicht. Aber ich muss auch nicht Tag und Nacht üben – das wäre mit mei­nen Lebens-Prio­ri­tä­ten orga­ni­sa­to­risch und mora­lisch nicht in Ein­klang zu bringen.

In die­ser Situa­ti­on lobe ich mir mei­ne „Ach, reicht doch eigent­lich bis hier“-Stimme. Die­se fata­lis­ti­sche Grund­hal­tung ermög­licht es mir, einem Hob­by nach­zu­ge­hen, ohne Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker-Ambi­tio­nen zu ent­wi­ckeln. Ich kann es ein­fach genießen.

Ein Fluch ist die­se Stimme.…

… wenn sie mich dar­an hin­dert, Din­ge rich­tig gut zu machen, die mir WIRKLICH wich­tig sind. Zum Bei­spiel habe ich letz­tes Jahr einen Vor­trag gehal­ten. Und aus wel­chen Grün­den auch immer habe ich mir die Zeit nicht genom­men, mich rich­tig gut dar­auf vor­zu­be­rei­ten. „Ach, das wird auch so gut genug sein. Stress Dich jetzt nicht. 70% rei­chen auch,“ hat die Stim­me gesagt, und ich habe ihr geglaubt. Warum?

Der 70% Schwei­ne­hund ist der klei­ne Bru­der der Perfektion.

Manch­mal ist die­se 70% Stim­me Aus­druck von Angst, dass ich es nicht gut genug machen wer­de. Nicht gut genug machen kann.

Sie drückt mei­ne Angst aus, es nicht per­fekt machen zu können.

Bevor ich also 95% gebe und dann trotz­dem „ver­sa­ge“, gebe ich lie­ber nur 70%.

Natür­lich rei­chen die 70% auch oft. ABER es gibt Zie­le, die ich nur errei­chen wer­de, wenn ich mich traue, die 99% anzu­pei­len. Punkt.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Das liegt nicht nur dar­an, dass ich mich dann mehr pushe und flei­ßi­ger bin, son­dern auch dar­an, dass ich in die­sem Bereich ganz sicher auch Feh­ler machen wer­de. Und genau das ist eine extrem wich­ti­ge Erfah­rung, die mich wei­ter bringt als das Errei­chen von hun­dert 70%-Zielen.

Wie immer liegt die Lösung in der genau­en Betrach­tung und der bewuss­ten Entscheidung. 

Wenn sich mein 70% Schwei­ne­hund mel­det, höre ich heu­te sehr genau hin:

Hilft er mir, Din­ge locker zu neh­men, die in mei­nen Lebens-Prio­ri­tä­ten nicht weit oben lie­gen? Wie bei dem Haus­kon­zert? ODER hin­dert er mich dar­an, hoch gesteck­te Zie­le zu ver­fol­gen, die für mich und mei­ne Lebens-Prio­ri­tä­ten extrem wich­tig sind?

Hilft er mir, Din­ge ent­spannt anzu­ge­hen und zu genie­ßen? ODER ist er nur Aus­druck von Angst vor Ver­sa­gen und hin­dert mich dar­an, Grö­ße­res zu wagen?

BASISLAGER oder SPITZE?

Bleibt noch zu berich­ten, wie mei­ne inne­re Kon­ver­sa­ti­on auf 7 Meter Höhe ausging.

Ich war kurz davor, der Stim­me nach­zu­ge­ben und mich wie­der her­un­ter holen zu las­sen. ABER der Wunsch, mich (dies­mal) über die­se Stim­me hin­weg­zu­set­zen, siegte.

Ich klet­ter­te – etwas umständ­lich – bis auf die Spit­ze des Pfahls.

Und auch wenn die­ses Ziel kei­ne gro­ße Wich­tig­keit für mein Leben hat­te: Es fühl­te sich fan­tas­tisch an.

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